„Vollbringe Großes und sprich davon!“ So in etwa kann das heimliche Leitmotiv von Fitness-Influenzern auf der ganzen Welt lauten. Und manchmal wird dabei gerne auch übertrieben und es mit der Wahrheit nicht ganz so genau genommen. Speziell bei den ganz Großen der Szene sollte man da etwas genauer hinsehen, denn diese erreichen damit extrem viele (junge) Menschen, die hinsichtlich ihrer Social Media-Kompetenzen (Filter: was wahr und was nicht wahr ist) noch nicht gefestigt sind und daher auch leicht manipuliert werden können. Es ist wahrscheinlich so manchem Influenzer gar nicht bewusst, was er mit gewissen Behauptungen und Darstellungen bei seinen Followern auslösen und bewirken kann. Im Grunde genommen ist das zum Teil ein gefährliches Spiel mit Existenzen, Wünschen, Welt-Vorstellungen (zB was schön ist, was erstrebenswert ist, wie man sein muss, …) von jungen Menschen und der digitalen Ideologisierung einer ganzen Generation – diese Verantwortung sollte einem bewusst sein.
So kann es passieren, dass sogar schlanke sportliche junge Männer ihren Körper hinterfragen und sich nicht sicher sind, ob sie okay sind, wenn das Sixpack nicht ganz so kantig aussieht. In der Realität ist uns das tatsächlich so untergekommen. Dieses Erlebnis dient als Grundlage und Grund für diesen kritischen Beitrag über die Marketingtricks im weitreichenstarken Ultrasport. Hier fällt uns gleich ein Name ein: Arda Saatçi – warum? Weil er sich nach allen Regeln der Kunst an den genannten Marketingtricks bedient.
Was haltet ihr von Arda Saatçi?
Im Juli 2026 haben wir im Rahmen eines Sportcamps jugendliche Nachwuchs-Fußballer befragt, was sie von Arda Saatçi halten. Die Antwort überraschte kaum: „Arda Saatçi ist der Beste!!! Er ist nicht nur ur stark, sondern kann auch ur schnell und ur lange laufen. Er ist ein Hero. Er ist ein Vorbild.“ Auf die Frage, wie schnell Arda Saatçi laufen kann, wurde es plötzlich still.
Wir stellten die Frage noch einmal konkreter: „Wie schnell ist Arda Saatçi bei seinem Ultra 600 – Lauf in den USA gelaufen?“ Einer der Fußballer antwortete: „Sicher eine 5er-Pace, ich habe es im Livestream gesehen, er war ur schnell unterwegs.“
Daraufhin folgte noch eine Frage: „Glaubst du, dass Arda Saatçi die ganze Zeit so schnell gelaufen ist, wie es im Video dargestellt ist?“ Die etwas verunsicherte Antwort lautete: „Ich weiß nicht, ich glaube schon, weil sonst wäre es fake.“ Wir fragen weiter: “Kennt ihr jemanden oder glaubt ihr, dass es jemanden gibt, der schneller und weiter als Arda Saatçi laufen kann?“ Auch diese Antwort verwunderte nicht: „Nein, Arda Saatçi ist ziemlich sicher einer der allerbesten Läufer auf der Welt, anders wäre das nicht denkbar. Er ist der Cyborg. Nur Superman ist vielleicht noch besser, haha ..“.
Problem und Mechanismen von Marketing im Ultrasport
Das große Problem – insbesondere durch die Schnelllebigkeit von Social Media – ist, dass speziell die jungen Konsumenten digitale Inhalte, die tagtäglich über sie hereinprasseln, nicht mehr hinterfragen. Das Konsumierte wird blitzschnell zur Realität und somit werden subtile Marketing-Tricks in der Kommunikation von sportlichen Rekorden ungefiltert aufgenommen und als gegeben hingenommen. Arda Saatçi & Co bedienen sich ungeniert dieser Mechanismen und sorgen auf unterschwellige Art und Weise dafür, dass junge Menschen gewissen Idealen nacheifern die aber in Wirklichkeit nicht echt sein können.
Wie schnell ist Arda Saatçi nun wirklich beim Ultra 600-Ultralauf in den USA gelaufen?
Eigentlich ist es irrelevant wie schnell Arda Saatçi war, weil es ging ja offiziell nie darum, schnell zu sein. Echt jetzt? Ja, zumindest wurde das auch irgendwie nachträglich so kommuniziert. Aber irgendwie muss er sich ja doch schnell und stark zeigen, weil sonst eifert ihm niemand nach, oder? Ist er nun der Cyborg und Übermensch oder geht es ihm einfach darum, überhaupt irgendetwas vermeintlich Übermenschliches zu tun, egal welche echte Leistung dahinter steht? „Am Ende zählt nur, dass ihr euren eigenen Weg geht.“, sind seine Worte. Irgendwie wird es jetzt verwirrend, oder?
Für seine jungen sportlichen Fans jedenfalls ist er ungefiltert 600 km mit einer 5er-Pace gelaufen?
Okay, Quizfrage: Wie schnell ist man, wenn man 604,6 Kilometer in 123 Stunden und 21 Minuten zurücklegt?
Antwort: Die durchschnittliche Pace liegt bei 12:14 min/km, das ist eine Geschwindigkeit von 4,9km/h.
Wäre Arda Saatçi die 604,6 Kilometer mit einer 5er-Pace (12 km/h) gelaufen, dann wäre er nach bereits 50 Stunden und 30 Minuten im Ziel gewesen. Der Cyborg hat sich aber zum persönlichen Ziel eine Zeit von 96 Stunden gesetzt, das wäre demnach eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 6,3 km/h (9:36min/km) gewesen.
Arda Saatçi im Vergleich zu anderen erfolgreichen Ultraläufern
Es ist in der Tat wirklich nicht einfach, echte 1zu1-Vergleiche mit dem Arda Saatçi-Ultra 600-Lauf herzustellen und das hat vermutlich System. Bewusst wählt man gerne für sensationsgeile Solo-Projekte sportliche Herausforderungen und Distanzen, welche mit offiziellen Meisterschaften und (Welt-)Rekorden nur schwer vergleichbar sind. In der Regel würde dies die sportlichen Leistungen von Solo-Projekten relativieren, wie es im Prinzip auch hier bei Arda Saatçi der Fall ist. Es gibt allerdings einen Mann, der in etwa einen Vergleich mit Arda Saatçi‘s Ultralauf-Fähigkeiten zulässt. Dieser Mann heißt Yiannis Kouros. Er stammt aus Griechenland und ist einer der weltweit besten Ultramarathon- und Extremläufer. Yiannis Kouros hat viermal den berühmten Spartathlon gewonnen, und dabei in Griechenland die Distanz von 246 Kilometern in 20 Stunden und 25 Minuten gemeistert. Das ist eine durchschnittliche Pace von 4:58 min/km, sprich knapp über 12 km/h.
Warum nun gerade dieser Vergleich?
Yiannis Kouros hat auch einen 6-Tage-Rekord aufgestellt, bei welchem er in 6 Tagen (144 Stunden) ganze 1036,85 Kilometer (Pace: 8:19min/km, 7,2 km/h) zurückgelegt hatte. Im Rahmen dieses Laufes erreichte er nach 4 Tagen (96 Stunden, das Zeit-Ziel von Arda Saatçi) eine zurückgelegte Distanz von etwa 700 Kilometern, also 100 Kilometer weiter als das was sich Arda Saatçi überhaupt vorgenommen hatte.
Mit diesem Wissen kann man nun die Leistung von Arda Saatçi in Vergleich zum „echten“ Ultralauf für sich einordnen, hier noch einmal zusammengefasst:
- Arda Saatçi – Ultra 600 geplant: 600km in 96 Stunden: 9:36 min/km (6,25 km/h)
- Arda Saatçi – Ultra 600 tatsächlich: 604,6km in 123 Stunden und 21 Minuten: 12:14 min/km (4,90 km/h)
- Yiannis Kouros – nach 96 Stunden bei 6-Tage-Lauf: 700km mit 8:13 min/km (7,3 km/h)
Das Zahlenspiel mit vielen Höhenmetern
Was zusätzlich beim Ultra 600-Bewerb von Arda Saatçi hinzu kommt, ist die Sensation von etwa 6.000 Höhenmetern. Rein rechnerisch ergeben 6.000 Höhenmeter auf einer Länge von 600 Kilometern eine durchschnittliche Steigung von 1 Prozent. Wenn man sich das tatsächliche Höhenprofil des Ultra 600-Laufes ansieht, wird man erkennen, dass es zum Ziel hin sogar mehrheitlich bergab geht.
Die große Hitze
Ja, Hitze macht es bei solch einem Event nicht unbedingt leichter. Was wird Yiannis Kouros antworten, wenn man ihn zur Temperatur beim Spartathlon in Griechenland befragt. Der Spartathlon findet im September statt.
Das Spiel mit großen und vielen Zahlen und Marketingtricks im Ultrasport
Die Welt der großen sportlichen Leistungen im Langstrecken- und Ultrasport-Bereich sind der perfekte Nährboden für Marketingstrategien, um mit Zahlenspielereien Eindruck zu schinden. Dies wird hier auf subtile Art und Weise zum Einsatz gebracht. Da für viele Fans diese langen Distanzen und großen Zahlen nicht wirklich greifbar sind, ist es unserer Meinung nach wichtig, für ein wenig Aufklärung und Bezug zu sorgen.
Das Spiel mit dem Weltrekord-Titel
Der Begriff „Weltrekord“ ist in der Tat schon oftmals irreführend und marketing-technisch aufbereitet zumindest unmoralisch missbraucht worden, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen (Irreführung?). So hat auch Marinus Obermair, der vermeintliche Weltrekord-Schwimmer den Titel des künftigen Weltrekordhalters für sich in Anspruch genommen, obwohl sein yfood River Race 350 in der Donau wohl kaum für echte Ultraschwimmer als Weltrekord gelten kann. Auch die Herangehensweise / Durchführung suggerierte während des Events, dass es sich hier nie um einen Weltrekordversuch handeln sollte.
Aber auch Franz Müllner (The Rock) hat sich oftmals mit Titeln geschmückt (er wurde zB als stärkster Mann der Welt und Ähnlichem bezeichnet ..), in dem er trickreich mit gewissen Rekorden / Rekordversuchen ebensolches suggerierte – zum Ärgernis der Strongman-Szene, die sich durch seine erfundenen Solo-Rekorde zurecht beleidigt fühlten.
Der Trick dabei ist ganz einfach
Man ist nur kreativ genug und erfindet eine besondere Handlung, die möglichst groß erscheint und im Idealfall für den Laien als unmöglich zu schaffen gilt. Dann spricht man lautstark darüber und kündigt dies medial verbreitet an. Wichtig dabei ist, dass möglichst niemand anderer jemals zuvor genau diese Handlung so vollbracht hat (es reicht schon, wenn es sich dabei um eine andere Distanz, eine andere Zeit oder um ein anderes Gewicht handelt). Denn nur dann kann man sagen, dass man der Erste ist, der diese Handlung genauso durchführt und wenn man das Ziel erreicht, ist es einfach zu sagen, dass man damit den Weltrekord geschafft hat.
Ist es ein Weltrekord, wenn man der einzige ist?
Das ist eine gute und berechtigte Frage – nicht wahr? Ab wann ist ein Weltrekord ein Weltrekord? Ein Weltrekord ist eine weltweit geltende Höchstleistung, wenn sie messbar, brechbar und standardisierbar ist sowie von einer offiziellen Stelle anerkannt wird. Ab wann darf man sich Weltrekordhalter nennen und gibt es einen Unterschied zwischen dem Titel Weltmeister und Weltrekordhalter? Ein Weltmeister gewinnt ein direktes Turnier gegen alle anderen Gegner / Teilnehmer, während ein Weltrekordhalter die weltweit beste gemessene Leistung (wie Gewicht, Zeit oder Distanz) aufstellt.
Die Online-Zeitungen sind jedenfalls voll mit vermeintlichen Weltrekord-Schlagzeilen und entsprechenden Titeln – völlig gleich wie kreativ, unterhaltend und verblödet diese Kuriositäten erscheinen mögen.
Jedenfalls könnte man jetzt behaupten, dass man den Weltrekord im Tippen der Enter-Taste auf der Tastatur für sich beansprucht. Man braucht unter Zeugen nur so viel Geduld zu haben und solange auf die Entertaste zu drücken, bis man den vermeintlichen Weltrekord aufgestellt hat. Laut KI-Abfrage gibt es gibt noch keinen offiziellen Weltrekord speziell für das Drücken der Enter-Taste. Insofern wäre das Erreichen des Weltrekordes nicht allzu schwierig.
Fazit
Ist dieses Spiel mit großen Zahlen im Ultrasport und den damit vermeintlichen Influenzer-Weltrekorden als reine Unterhaltung zu sehen oder kann dieses subtile Marketing dahinter eine wirklich reale Bedrohung für die Wahrnehmung von jungen Menschen bedeuten? Unsere Antwort: es kann!


