1,77 Millionen Zuschauer verfolgten im Juni 2024 das EM-Achtelfinale Österreich gegen Niederlande auf ServusTV. Am Wiener Rathausplatz drängten sich 14.400 Fans in die Fan Arena, 11.000 Quadratmeter kostenloses Public Viewing, die Stimmung kochte bis in die Seitengassen des ersten Bezirks. Zwei Jahre später fährt das ÖFB-Team wieder einmal zu einer WM. Gruppe J mit Argentinien, Algerien und Jordanien. Und Wien? Kein Public Viewing. Weder am Rathausplatz noch sonstwo in der Stadt organisiert.
Wien ohne Fanmeile am Rathausplatz
Ein Sprecher der Stadt Wien Marketing GmbH bestätigte den Verzicht gegenüber MeinBezirk. Als Grund nannte man die Spielzeiten in Nordamerika. ÖBB-Sprecherin Judith Winder ließ knapp ausrichten, auch am Hauptbahnhof plane man keine Veranstaltung. Zur EM 2024 stand dort noch eine 37 Quadratmeter große LED-Wand, daneben ein Fußballkäfig und eine E-Sports-Gaming-Area.
Damals sagte Bürgermeister Michael Ludwig, der Rathausplatz sei der ideale Ort gewesen, um spannende Momente mit Gleichgesinnten zu erleben. Die Euphorie, die rund um das Nationalteam entstanden sei, habe jederzeit Anlass für Public Viewing mitten in der Stadt geboten, sagte er im März 2024. Diese Euphorie um die Renaissance des österreichischen Fußballs ist mittlerweile noch viel größer. Die Voraussetzungen für ein gemeinsames Fan-Erlebnis dafür umso schwieriger.
Das Wiener Veranstaltungsgesetz erlaubt Open-Air-Events bis 22 Uhr, Indoor-Veranstaltungen bis 2 Uhr nachts. Frühester Beginn: 6 Uhr. Bei einem Anpfiff um 4 Uhr früh kollidiert das mit allen Open-Air-Übertragungen, die man sich vorstellen kann. Das Parlament verlängerte zwar einstimmig das Public Viewing-Gesetz von vier auf sechs Wochen.
Alle fünf Parlamentsparteien stimmten dafür. Wien macht trotzdem nicht mit. Was bleibt, ist das Wirtshaus, das Wohnzimmer und das Smartphone. Wer mitten in der Nacht dabei sein will, landet sowieso bei ORF ON, Livetickern und Taktik-Apps wie FotMob. Beim nächsten Großevent gehen viele Fans inzwischen auch auf transparente Vergleichsportale wie casino.org, auf denen sie Online-Casinos mit anderen Seiten vergleichen, um Wetten zu platzieren, bevor das erste Spiel angepfiffen wird. Das digitale WM-Begleitprogramm wächst mit jedem Turnier.
Anpfiff um 4 Uhr früh gegen Algerien
Drei Gruppenspiele, drei völlig unterschiedliche Uhrzeiten. Am 17. Juni geht es gegen Jordanien bereits um 6 Uhr morgens los, im Levi’s Stadium von San Francisco. Der Kracher gegen Argentinien am 22. Juni um 19 Uhr im AT&T Stadium von Dallas, 94.000 Plätze, das größte Stadion des Turniers. Das alles entscheidende dritte Spiel gegen Algerien dann am 28. Juni um 4 Uhr früh, in Kansas City.
Teamchef Ralf Rangnick gab sich nach der Auslosung im Dezember gelassen. Er finde es gut, dass man wisse, gegen wen man spiele, kein Playoff-Kandidat sei dabei gewesen. Die Entfernungen zwischen den Spielorten bezeichnete er für amerikanische Verhältnisse als moderat. Sein Staff habe während der Klub-WM bereits Hotels und Trainingsplätze in Kalifornien besichtigt. Das Base Camp liegt im Raum Santa Barbara an der Pazifikküste.
Für Fans in Wien heißt das: Nur das Argentinien-Spiel eignet sich für einen Fußballabend mit Freunden. Jordanien am frühen Morgen lässt sich zur Not auch mit Kaffee überbrücken. Bei Algerien um 4 Uhr heißt es entweder Wecker stellen oder einfach im Bett bleiben.
Strandbar, Centimeter und 2.300 Wirtshäuser
Die Gastronomie füllt die Lücke. Die Strandbar Herrmann am Donaukanal hat ihr WM-Public-Viewing bereits angekündigt, der Pavillon lässt sich ab 100 Personen exklusiv mieten. Die Centimeter-Gruppe bewirbt vier Standorte zwischen Rathaus und Gersthof. Plutzer Bräu am Spittelberg war schon bei vergangenen Turnieren eine feste Anlaufstelle.
Zur EM 2024 übertrugen laut Wirtschaftskammer Wien rund 2.300 Lokale die Spiele live. Eine MAKAM-Umfrage ergab, dass 64 Prozent der Wiener Bevölkerung die EM aktiv verfolgen wollte. Nach 28 Jahren WM-Abstinenz dürfte der Wert noch steigen. Indoor-Locations bekommen diesmal ein besonderes Gewicht, weil viele Spiele nach Mitternacht laufen. Welcher Wirt sich eine erweiterte Sperrstundengenehmigung holt, entscheidet darüber, wo um 4 Uhr morgens der Fernseher läuft.
104 WM-Spiele im Free-TV
ORF und ServusTV teilen sich alle 104 WM-Partien. 52 laufen im ORF, 52 bei ServusTV, alles frei empfangbar. In Deutschland hält MagentaTV 44 Spiele exklusiv hinter einer Bezahlschranke. Österreichische Fans haben es besser. ORF-Generaldirektor Roland Weißmann sprach von einem Jahr der Superlative.
Bei den ÖFB-Spielen sieht die Aufteilung so aus: ORF überträgt das erste und dritte Gruppenspiel, ServusTV das zweite. Das Highlight gegen Argentinien um 19 Uhr läuft also auf ServusTV. Beide Sender bieten Livestreams über ORF ON und ServusTV On an. Der ORF erzielte 2024 mit seiner Streaming-Plattform ein Rekordjahr, durchschnittlich 14,5 Millionen Nettoviews pro Monat, bei einem Gesamtvolumen von 387 Millionen gestreamten Minuten.
Bei Spielen um 4 Uhr wird das Handy zum Hauptbildschirm. xG-Werte und Pressing-Statistiken parallel zum laufenden Match abzurufen gehört bei jüngeren Fans längst zum Alltag. Die WM 2026 dürfte das beschleunigen, weil das klassische Gemeinschaftserlebnis vor dem großen Bildschirm schlicht an der Zeitverschiebung scheitert.
Der 22. Juni gehört Wien
Ein einziges Spiel bleibt, das alle zusammenbringen kann. Am 22. Juni um 19 Uhr trifft Österreich in Dallas auf Titelverteidiger Argentinien. Lionel Messi spielt wohl sein letztes großes Turnier. Beim einzigen bisherigen WM-Duell, 1966 in England, gewann Österreich 1:0. Unter Rangnick holte das ÖFB-Team bei der EM 2024 den Gruppensieg vor Frankreich und den Niederlanden.
An diesem Abend werden die Lokale voll sein. Ob Strandbar Herrmann, Centimeter am Spittelberg oder das eigene Wohnzimmer in Floridsdorf, spielt keine Rolle. Ob danach jemand für das Algerien-Match um 4 Uhr den Wecker stellt, hängt einzig vom Ergebnis ab.


